Es ist der 24. März 2015. 150 Menschen steigen an diesem Mittwoch in Barcelona in die Germanwings-Maschine mit der Flugnummer 9525 Richtung Flughafen Düsseldorf. Darunter Schülerinnen und Schüler eines Gymnasiums in Haltern am See. Die Passagiere schicken Nachrichten an ihre Angehörigen in Deutschland.
Keiner von ihnen ahnt, dass es der letzte Kontakt mit ihren Liebsten sein wird. Denn der Airbus 320 wird den Flughafen Düsseldorf nie erreichen. Stattdessen stürzt der Germanwings-Flieger in den französischen Alpen ab. Alle Insassen an Bord waren sofort tot. Auch am zehnten Jahrestag der Katastrophe quälen sich die Angehörigen mit der Frage nach dem „Warum“. Doch dabei geht es nicht nur um die Absturzursache.
Germanwings-Absturz: „Man hat mir das Herz rausgerissen“
Was geschah an Bord der Maschine kurz vor dem Aufprall in den französischen Alpen? Die Ermittlungen der Luftfahrtbehörden haben die Katastrophe bis ins kleinste Detail nachgezeichnet. Demnach hatte Co-Pilot Andreas Lubitz seinen Piloten aus dem Cockpit ausgesperrt und das Flugzeug so manipuliert, dass es in den unaufhaltsamen Sinkflug (von 38.000 Fuß auf 100 Fuß) überging.
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Audioprotokolle belegen, wie der Kapitän verzweifelt versuchte, zurück ins Cockpit zu gelangen – doch vergeblich. Der psychisch kranke Co-Pilot hatte den Entschluss gefasst, die Maschine zum Absturz zu bringen. Immer und immer wieder geht Angehörigen durch den Kopf, was ihren Liebsten in den Minuten vor dem Aufprall durch den Kopf gegangen sein muss.
„Anfangs war es wie eine zwanghafte Vorstellung, ob er geschrien hat, ob da Durchsagen gewesen sind, ob sie eine Schutzhaltung einnehmen mussten. Das geht mir auch jetzt noch durch den Kopf“, sagt Brigitte Voß aus Leipzig, die ihren Sohn Jens bei dem Unglück verloren hat.
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Die trauernde Mutter kommt in der WDR-Dokumentation „Der Germanwings-Absturz“ genauso zu Wort wie Klaus Radner, dessen Enkel Felix, Tochter Marie und Schwiegersohn Sascha aus dem Leben gerissen wurden. „Man hat mir das Herz rausgerissen“, gibt der Düsseldorfer Einblick in sein Seelenleben. Besonders wütend macht ihn, warum bis zum zehnten Jahrestag der Katastrophe noch niemand Verantwortung übernommen hat.

„Keiner hat die Reißleine gezogen“
Klar ist: Gegen den Co-Piloten konnte kein Gerichtsverfahren eröffnet werden, weil er bei dem Unglück selbst gestorben ist. Doch hätte sein Suizid verhindert werden können? Diese Frage quält die Angehörigen, zumal Lubitz in den Wochen vor seinem Freitod bei dutzenden Ärzten war. Für den Tag der Katastrophe war er sogar wegen einer depressiven Episode krankgeschrieben, reichte seine Krankschreibung aber nie ein.
„Er war bei 40 Ärzten, war der Meinung, er wird blind. Keiner der Ärzte hat irgendwie die Reißleine gezogen. Wenn ich sage: ‚Ich bin Pilot und ich habe das Gefühl, ich werde blind.‘ Da muss doch jeder Arzt sagen: ‚Moment, den müssen wir aus dem Verkehr ziehen'“, findet Klaus Radner und muss wütend feststellen: „Es ist nichts passiert.“
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In der ARD-Doku berichtet der Hinterbliebene, dass er alle verklagt hat, die etwas von der psychischen Erkrankung des Co-Piloten gewusst haben müssen. Darunter dessen Eltern, aber auch die Lufthansa, weil Fliegerärzte den Piloten zwar immer wieder routinemäßig untersucht hatten, aber den Ermittlungen zufolge nie auf eine bereits in der Ausbildung diagnostizierte Depression eingegangen waren.
Die Ermittlungen gegen die Lufthansa wurden allerdings eingestellt, weil nicht die Airline, sondern das Luftfahrtbundesamt für Fliegerärzte zuständig ist. Deshalb hat Radner gemeinsam mit etwa 30 Angehörigen mittlerweile eine Klage gegen die Bundesrepublik Deutschland eingereicht. Dabei geht es den Angehörigen weniger um Entschädigungen, sondern darum, dass endlich jemand Verantwortung für den Tod ihrer Liebsten übernimmt – und darum, dass sich so eine Katastrophe niemals wiederholt.
Der Verhandlungstermin am Landgericht Braunschweig steht noch nicht fest. Die WDR-Dokumentation „Germanwings-Absturz“ findest du in der ARD-Mediathek.
>>Anmerkung der Redaktion<<
Zum Schutz der betroffenen Familien berichten wir normalerweise nicht über Suizide oder Suizidversuche, außer sie erfahren durch die Umstände besondere Aufmerksamkeit.
Wer unter Stimmungsschwankungen, Depressionen oder Selbstmordgedanken leidet oder jemanden kennt, der daran leidet, kann sich bei der Telefonseelsorge helfen lassen. Sie ist erreichbar unter der Telefonnummer 0800/111-0-111 und 0800/111-0-222 oder im Internet auf www.telefonseelsorge.de. Die Beratung ist anonym und kostenfrei, Anrufe werden nicht auf der Telefonrechnung vermerkt.