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Duisburg: Nach AfD-Wahltriumph im Norden – „Für die Menschen hier wird keine Politik gemacht“

Bei der Bundestagswahl überragte im Duisburger Norden die AfD. Für Sozialpädagoge Burak Yilmaz ist das nicht verwunderlich.

© Lars Fröhlich

Das ist die Stadt Duisburg

Das sind die Sehenswürdigkeiten und einige wichtige Fakten über Duisburg.

Jetzt nimmt er kein Blatt vor den Mund! Bei der Bundestagswahl wählten viele Menschen aus dem Norden von Duisburg die AfD. In Hamborn und Meiderich/Beeck sogar die meisten! Dazu kommt, dass der Nord-Wahlkreis Duisburg II die niedrigste Wahlbeteiligung deutschlandweit zu verzeichnen hatte. Was ist da los?

DER WESTEN hat mit dem Autor und Sozialpädagogen Burak Yilmaz gesprochen. Er wuchs als Sohn türkischer Einwanderer in Obermarxloh auf, machte Abitur und engagiert sich als Buchautor und Podcaster auch gegen Rassismus und Judenhass. 2018 erhielt er das Bundesverdienstkreuz. Was sagt Yilmaz, der den Norden von Duisburg so gut kennt wie kaum ein Zweiter, zu den Zuständen vor Ort?

Duisburger Norden: „Für die Menschen hier wird keine Politik gemacht“

DER WESTEN: Herr Yilmaz, Sie sind aus Duisburg, arbeiten als Sozialpädagoge seit Jahren auch mit Menschen nahe der Armutsgrenze. Sie kennen die sozialen Strukturen in Duisburg aus dem Effeff. Wie bewerten Sie das Bundestagswahl-Ergebnis in Duisburg?

Burak Yilmaz: Das Wahlergebnis in Duisburg zeigt eine politische Neuordnung. Wir können nicht mehr davon reden, dass Duisburg eine SPD-Hochburg ist, die Zeiten sind vorbei. Auf der einen Seite scheint bei der SPD der Gedanke da zu sein, dass man eh die Ergebnisse und Posten hole, weil man ja seit Jahrzehnten regiere. Es wurde kaum Wahlkampf gemacht, man verlässt sich auf die Erzählung: ‚In der Arbeiterhochburg kriegen wir das schon hin.‘ Auf der anderen Seite sieht man, dass die SPD sehr viele Stimmen an die AfD verloren hat. Man hat die Arbeiterklasse verloren. Die Arbeiter hier in Duisburg sind nochmal härter von Inflation und Lebensmittelkosten betroffen. Ich arbeite mit einer Theatergruppe im Norden zusammen, da sind Jugendliche, die erzählen: ‚Wir haben im Monat 120, 140 Euro für den Einkauf.‘ Wenn der Einkauf dann aber plötzlich 200 Euro oder mehr kostet, muss man an anderer Stelle sparen, und das sorgt für viel Frust.

Gleichzeitig haben wir auch einen Anstieg an linken Stimmen. Die Linke war die einzige Partei, die auch im Duisburger Norden Haustürwahlkampf gemacht hat. Sie haben sich auf ihre ‚alten‘ Werte wie Solidarität mit der Arbeiterschaft besinnt. Ein junger Mann sagte mir, dass er gar nicht wusste, dass Bundestagswahlen sind – bis Linke-Kandidaten vor der Tür standen. Das sorgte bei ihm für einen positiven Überraschungsmoment.

Grundsätzlich muss man auch in Duisburg von einem Rechtsruck sprechen. Das verbinde ich mit dem Abbau der Industrie und dass Migration vor allem nur mit Blick auf Gewaltdelikte diskutiert wurde. Das kommt auch in einigen migrantischen Communitys sehr gut an. Offen ist jetzt, ob dauerhaft aus der SPD- eine AfD-Hochburg wird oder ob wir hier eine diversere Parteienlandschaft haben.

Duisburg
Burak Yilmaz kennt den Duisburger Norden wie kaum ein Zweiter – und nimmt die Politik in die Pflicht. Foto: Gerd Wallhorn/ FUNKE Fotoservices

„Türkischer Wahlkampf zeigt, dass es laufen kann“

Welche Vorwürfe machen Sie der Stadtpolitik?

Yilmaz: Für den Norden wurde keine Politik gemacht. Die Menschen haben hier keine Zukunftsvisionen. Klar wurde viel von „grünem Stahl“ bei ThyssenKrupp gesprochen. Aber was, wenn das nicht funktioniert? Das Horror-Szenario wäre, wenn wieder Tausende Stellen abgebaut werden. Der Norden wäre in einem noch übleren Zustand, weil die Arbeiter dort fast alle Familienväter sind. Man hat den gesamten Duisburger Norden hängen lassen und nichts getan, um den Strukturwandel zu schaffen. Gleichzeitig sind aber Strukturen, vor allem wirtschaftlich, da. Es gibt viele migrantische Unternehmen im Norden, die in Holland, Belgien oder der Türkei vernetzt sind. Dort gibt es die größte migrantische Selbstständigkeit in ganz Deutschland. Da kann ich nicht nachvollziehen, dass SPD-Politiker über dieses Wahlergebnis ratlos seien, anstatt Kritik anzunehmen. Nehmt die Menschen ernst, geht auf sie zu, anstatt euch auf alten Ergebnissen auszuruhen.


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Der türkische Wahlkampf zeigt doch, dass es laufen kann. Türkische Parteien machen hier vor Wahlen Veranstaltungen, wo sogar Übersetzer dabei sind. Es gibt im türkischen TV sogar Werbung, die extra für Marxloh produziert wird. Bei deutschen Parteien tauchen diese Menschen in den Wahlprogrammen erst gar nicht auf.

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